Sylvia Henze im Celsius 13, Hamburg

Rede Ausstellungs - Eröffnung

von Michael Stoeber

In den achtziger Jahren gab es einen Kunstkritiker, der nicht viel von Künstlerinnen hielt. Frauen sollten doch lieber häkeln und stricken und sich an den Herd verfügen anstatt Kunst zu machen, so erklärte er. Rosemarie Trockel nahm ihn beim Wort. Sie befolgte seinen Rat in hintersinniger Weise. Sie häkelte und strickte und nutzte Herdplatten, um daraus feministische Kunst zu machen. Nein, besser: Um mit diesen Medien gute Kunst zu machen, die zugleich ein feministisches Statement waren. Der Kritiker war blamiert, und die Künstlerin hatte der Kunst neue Medien und Ausdrucksfelder erschlossen und Techniken, die zuvor für den häuslichen Bereich reserviert waren, für die Kunstausübung nobilitiert. Mit einer ähnlichen Medienauffassung ging Sylvia Henze an die Kunst heran, als wir uns Mitte der neunziger Jahre kennen lernten. Sie hatte für sich Ton, Porzellan und Keramik als Ausdrucksmittel der Kunst entdeckt, machte daraus Plastiken und nutzte so Stoffe und eine Praxis, die trotz der fulminanten Werke von Picasso in diesem Medium für die Kunstkritik und die Kunstsammler immer noch das Stigma des VHS-Kurses und der laienhaften Bastelei trugen oder aber als Kunstgewerbe abgetan wurden. Indes blieb Henze nicht dabei, sondern arbeitete ähnlich wie heute schon in unterschiedlichen Medien, u. a. auch im Bereich der Videokunst.

Einer ihrer Filme, über den ich damals einen Text schrieb – er trug den Titel „Zeit/en“ – operiert in dieser Hinsicht mit einer ähnlichen Referenz, wie sie das Häkeln und Stricken im Werk von Trockel darstellt. Henze hatte eine Kaolinkugel zum Protagonisten ihres Filmes gemacht. Eine Kugel aus dem Stoff, den man zur Porzellan- und Keramikherstellung notwendig braucht. Diese Kaolinkugel hatte sie in ein mit Wasser gefülltes Aquarium versenkt, wo Henze sie mit der Kamera beobachtete. Normalerweise ist Kaolin höchst widerstandsfähig gegenüber den Elementen Wasser, Luft und Hitze, vorausgesetzt es ist durch die Feuertaufe des Gebranntwerdens gegangen. Das war hier aber nicht der Fall. Das leicht sprudelnde Wasser griff die Kugel in ihrer Form an. Ihre Auflösung und Desintegration wurden damit zum Thema des Films. Eine Desintegration, die sich in dem Werk auch metaphorisch lesen lässt.

Daneben operiert die Videoarbeit aber noch mit anderen Bedeutungsebenen. In dem Werk finden die unterschiedlichsten Themen zur Allianz: Auflösung und Neuschöpfung, Transformation und Umgestaltung, Sein und Schein, Werden und Vergehen, Wahrheit und Täuschung. Zugleich denkt Henze in dieser Arbeit in ihrer Eigenschaft als Künstlerin über die Frage nach, was es mit der Gestalt gebenden Kraft des Kunstwerks auf sich hat. Inwieweit ist sie selbst Autorin dessen, was sie macht, und inwieweit unterliegt sie Form schaffenden Kräften, die in ihr arbeiten wie das Wasser am Kaolin? Und: Was macht ein Kunstwerk zum Kunstwerk? Was ist sein Status? Inwieweit ist es oder hat es eine creatio ex nihilo zu sein? Was ist der Anteil vorgefundener Wirklichkeiten und Gesetzmäßigkeiten? Wie bestimmt sich das Verhältnis von Finden und Erfinden? Wie weit hängt der ontologische Status des Kunstwerks von der rezeptiven Kraft des Betrachters ab. Fragen, die das Werk zum Teil auch mit der aktuellen Arbeit verbinden, die wir heute Abend in Hamburg kennen lernen.

Worum handelt es sich bei diesem Werk mit dem Titel „The Window“, das Fenster? Zunächst einmal ist es kein solitäres, sondern ein vierteiliges Werk. Eine Rauminstallation aus vier Arbeiten, zwei Videowerken und zwei fotografischen Serien, die sich wie ein Stationendrama im Raum verteilen und inhaltlich aufeinander bezogen sind. Was die frühere mit der neuen Arbeit verbindet ist, dass beide für Henze eine Wirklichkeit darstellen, die sich durch die schöpferische Wahrnehmung der Künstlerin verwandelt. Ihr Blick auf die Dinge, im ersten Fall auf eine physikalische Versuchsanordnung, im zweiten Fall auf eine politische Situation in unserer Zeit, transzendiert deren status quo hin zu einer Metaphorisierung, die uns angeht. Damit entspricht Henze mit ihrer Kunst einem uralten, bereits von Aristoteles geforderten ästhetischen Gesetz: der Künstler muss bei seiner Gestaltung das mea res agitur beachten. Was er verhandelt, soll in einer Art und Weise verhandelt werden, dass es den Betrachter berührt und bewegt. Der Betrachter muss das Gefühl und die Überzeugung haben, dass die Kunst von ihm, von seinem Leben und Schicksal, seinen Gefühlen und Gedanken, spricht.

Vordergründig spricht das vierteilige Drama von der aktuellen politischen Wirklichkeit auf der Insel Zypern. Die Geschichte dieser Insel ist wechselvoll. In der Antike gehörte Zypern zum Reich Alexander des Großen, danach zum Imperium Romanum. Später wurde es von den Kreuzrittern annektiert, war dann Teil der Republik Venedig, bis es schließlich vom Osmanischen Reich erobert wurde. 1878 verpachteten die Türken die Insel an Großbritannien im Austausch für Militärhilfe gegen die Russen. Als das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte gegen Großbritannien kämpfte, annektierten die Briten die Insel. Das erkannten die Türken rückwirkend als Recht an, und 1925 wurde Zypern Kronkolonie. 1960 wurde die Insel unabhängig. Aber es gab bald bürgerkriegsähnliche Unruhen zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen, den in der Überzahl befindlichen Griechen und den Türken. Deshalb stationierten die Vereinten Nationen 1964 zur Befriedung Truppen im Land. 1974 half die griechische Junta den griechischen Nationalisten auf der Insel bei einem Putsch gegen den Präsidenten Makarios. Er wurde gestürzt. Als die griechischen Nationalisten die Angliederung der Insel an das Mutterland anstrebten, besetzte die Türkei den Norden.

Die Vereinten Nationen verkündeten die Unteilbarkeit des Landes. Sie sorgten für einen Waffenstillstand zwischen den Volksgruppen, den sie durch die Stationierung weiterer Truppen sicherten. Aber die Türken zogen aus dem Norden der Insel nicht mehr ab, der sich 1983 zum unabhängigen Land erklärte, zur Türkischen Republik Zypern. Bis heute wird sie völkerrechtlich nur von der Türkei anerkannt. Am 1. Mai 2004 nun wurde Zypern als geteiltes Land Mitglied der Europäischen Union. De jure gehört die ganze Insel als Republik Zypern dazu, de facto hat die Türkische Republik Nordzypern dem Beitritt in dieser Form aber nicht zugestimmt. Vorgesehen war, die Insel als Vereinigte Republik Zypern in der EU zusammen zu führen, was bis heute nicht gelungen ist. Die Waffenstillstandsgrenze von 1974 ist immer noch Grenze. Im Süden leben die Griechen, im Norden die Türken, dazwischen liegt die so genannte Pufferzone, die Greenline, die von der UN verwaltet wird, was nichts anderes heißt, als dass Un-Truppen bis heute mitten in Europa den Frieden zwischen Griechen und Türken auf der Insel aufrecht erhalten. Angesicht der Globalisierung eine ziemlich absurde Situation.

Diese Situation ist der Ausgangspunkt für das Werk von Sylvia Henze, dessen vielleicht spektakulärster Part eine Videoinstallation mit 2 x 12, insgesamt 24 Monitoren ist. Auf zwölf Bildschirmen sehen wir das Haus einer zypriotischen Flüchtlinsfamilie von außen, auf weiteren zwölf von innen. Jeder Monitor zeigt das Haus für jeweils eine Stunde, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, insgesamt zwei x zwölf Stunden lang. Rechnen wir die unterschiedlichen Perspektiven zusammen, zeigen die 24 Monitore 24 Stunden Lebenszeit. 24 Stunden sind eine mythische Zeitspanne. In dieser Zeit dreht sich die Erde einmal um die Sonne. Das ist die Zeit, genau ein Tag und eine Nacht, in der Leopold Bloom, ein moderner Odysseus, durch das irische Dublin treibt und seine Lebensbilanz zieht. Die zypriotische Familie, aus und auf deren Haus Henze ihre Kamera richtet, lebt direkt an der Pufferzone mitten in Nicosia. Der Eingang in ihr Haus ist noch auf griechischem Gebiet, das Fenster, das in die Pufferzone und in Richtung Norden zeigt, schon nicht mehr. Seit der Teilung der Insel durfte die Familie dieses Fenster ihres Hauses nicht mehr öffnen; immer wieder kam es an der Grenze zu bewaffneten Zwischenfällen. Erst vor wenigen Jahren wurde eine Regelung ausgehandelt, nach der die Familie jede Stunde das Fenster fünf Minuten öffnen darf – nicht länger.

Henzes Kamera filmt in Echtzeit den Tag dieser Familie und ihres Hauses. Im Rhythmus der sich jede Stunde für fünf Minuten öffnenden und dann wieder schließenden Fenster erkennt der Betrachter nicht nur den Aberwitz des kalten Krieges, sondern er erlebt auch die verrinnende Zeit. Häuser sind nichts anderes als metonymische Porträts ihrer Bewohner Zeit und damit ein Porträt ihrer condition humaine. Martin Heidegger, der immer aus der Sprache heraus philosophierte, hat darauf aufmerksam gemacht mit seinem etymologischen Fund, dass im Althochdeutschen die Verben „sein“ und „bauen“ dieselbe Vorsilbe haben und sich ableiten vom althochdeutschen „buan“. In einem Haus ist das Fenster die privilegierte Verbindung von Innen nach Außen ähnlich wie die Augen des Menschen die Verbindung zwischen Subjekt und Objekt gewährleisten. Die Metapher, mit der in der Dichtung Fenster und Augen miteinander verglichen werden, ist eine geradezu klassische. „Augen, meine lieben Fensterlein“, lesen wir bei Mörike, „gebt mir schon so lange holden Schein.“ Und was wir sehen und wahrnehmen, bestimmt die Art und Weise, wie wir uns ein Bild machen von der Welt und Wirklichkeit. Esse est percipi, Sein ist wahrgenommen Werden, befand darum zu Recht der irische Philosoph George Berkely. Und bei Goethe finden wir die schöne, auf die Philosophie von Spinoza zurückgehende Überlegung: „Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, nie könnte es die Sonn’ erblicken.“ Das meint eine innige Affinität von Subjekt und Objekt, eine stete Prägung des einen durch das andere. Das Bild des Fensters bestimmt spätestens seit der Renaissance und den ästhetischen Betrachtungen Vasaris auch die Vorstellung von der Kunst. Das Tafelbild wird betrachtet als Fenster zur Welt. Selbst wenn es sich in der Kunst der Moderne häufig genug geschlossen hat, wird es in Henze Werk weit aufgestoßen. Ihre Videobilder haben nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne Fensterfunktion.

Die Trias Auge, Fenster, Seele hängt innig miteinander zusammen. Was ich sehe, bestimmt meinen Horizont. Die Grenzen meiner Wahrnehmung sind die Grenzen meines Bewusstseins. Die Bilder, die ich sehe, prägen und erziehen, formieren und bestimmen mich in der einen oder anderen Weise, im guten wie im schlimmen Sinne. Wenn sie, wie so oft behauptet wird, schon als einzelnes mehr bewirken als 1000 Worte, wächst damit entsprechend proportional unsere Verantwortung für die Optik der Welt und ihrer Bilder. Für die Bilder, die wir in die Welt setzen. Die Verknüpfung von Bild und Bewusstsein dekliniert Sylvia Henze auch in weiteren Stationen ihrer Installation durch wie in den Fotoserien. Zum Beispiel, wenn sie in „Vision I“ Aufnahmen zeigt, deren Format den Schießscharten der Burg Kantara im Norden Zyperns nachempfunden wurden, eine Burg, die mehr als 1000 Jahre alt ist. Der Blick aus den realen Schießscharten auf die Welt wird durch dieses visierende, auch ängstliche und immer auf Abwehr eingestellte Sehen ebenso bestimmt, wie das die Aufnahmen Henzes von der Altstadt Nicosias in ihrem fragmentarischen und fokussierenden Duktus zum Ausdruck bringen.

In „Vision II“ auch hier ist „nomen“, sprich der Titel, „omen“, geht es wieder um ein Sehen, das zur Vision, zur Ideologie hin sich steigert, und damit zur Vorurteil belasteten Wahrnehmung der Welt. Henze verdeutlicht das eindringlich, indem sie die Aufnahmen der Augen von Männern, die in der geteilten Stadt Nicosia leben, im Close-up nah heranholt an unseren Blick, und sie dann in einem Bildformat zeigt, das sich ebenfalls an der Größe von Schießscharten orientiert, dieses Mal an Schießscharten von Wehranlagen aus unserer Zeit, aus der Gegenwart. Die Spiegel der Fotoinstallation nehmen uns als Besucher unmittelbar mit hinein in diese Situation. Eine weitere Videoinstallation der Künstlerin zeigt alte Frauen in Zypern. Zerborstene Wände und ihre Gesichter überblenden einander. Die Risse der Mauern verbinden sich mit den Furchen ihrer Gesichter. Bilder von verbarrikadierten Fenstern und bewaffneten Soldaten aus der Pufferzone Zyperns kennzeichnen eine Art von universellem Belagerungszustand. Die geöffneten Münder der Frauen sind wie stumme Schreie. Sie sprechen, aber wir hören sie nicht. Und doch verstehen wir sie. Einmal mehr durch die Macht der Bilder, die Henze uns im Rhythmus ihres Herzschlages zeigt. Im ersten Video tauchen in der Pufferzone einmal joggende UN-Soldaten auf. Inmitten der Absurdität der Teilung haben sie sich in diesem alltäglichen Wahnsinn eingerichtet und behaupten für sich eine Art von Normalität, welche die anderen, die Zyprioten beider Seiten, den Widersinn und die Beschwerlichkeit ihres Alltags nur desto stärker spüren lässt.

Sylvia Henzes Werk „Window“ nimmt ihren Ausgang von einer ganz konkreten politischen Situation in Europa, deren Problematik sie vor Augen stellt, ohne indes dabei stehen zu bleiben. Dieses Weitergehen, dieses Transzendieren der politischen Situation und ihrer Problematik durch eine bewusst gewählte Formsprache und durch die Evozierung von zusätzlichen Bedeutungsebenen, macht die Arbeit zur künstlerischen. Zu den semantischen Ringen, die sich um Henzes Werk legen, gehören nicht nur Einsichten in die Natur und Verknüpfung von Wahrheit und Wahrnehmung, sondern auch die Öffnung eines Reflexionsraumes, der den Betrachter persönlich berührt, weil er mit dem Thema der Angst, Verunsicherung und Bedrohung zu tun hat. Das ist ein Thema, das für viele Künstler in den letzten Jahren wichtig geworden ist, und so natürlich auch für die Ausstellungskuratoren. Ich erinnere hier nur an die Ausstellungen „Nightsites“, 2005 in Hannover, oder „The Culture of Fear – die Kultur der Angst“, 2006 in Halle. Sicher hat die Thematik viel mit den Veränderungen in den sozialen und gesellschaftlichen Sicherungssystemen zu tun, die viele von uns schmerzhaft erfahren: so schmerzhaft, dass der Soziologe Ulrich Beck bereits von einer „Brasilianisierung des Westens“ spricht. Angst war schon immer ein Instrument der Herrschaftssicherung, ob in den Kriegen der Wirtschaft oder des Militärs. Ihr begegnen können wir nur, wenn wir ihre Ursachen erkennen. Nur dann werden wir keine Angst mehr vor der Angst haben. Werke wie die von Sylvia Henze helfen dabei.


Michael Stoeber, 9.9.2008

für Celsius 13 - ON-OFF-Artprojects